Wildkatzenprojekt

Die Rückkehr der Wildkatze“ ist nicht der Titel eines spannenden Tierfilms, sondern das Thema eines Projekts, das im Rahmen des von der Stadt Göttingen erstmalig initiierten „Förderwettbewerbs für Kooperationsprojekte zwischen Wissenschaft und Schule“ stattfindet. Die im Wettbewerb angesprochenen „Jungen Forscher“ sind Schülerinnen und Schüler des Northeimer Gymnasium Corvinianum. Der wissenschaftliche Kooperationspartner ist das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen.

Die Wettbewerbsjury aus Vertretern der Robert-Bosch-Stiftung, der Telekom-Stiftung, der Körber-Stiftung, der Georg-August-Universität und der Stadt Göttingen zeichnete das Projekt mit einem Preis aus. Mit der Auszeichnung ist ein Preisgeld in Höhe von 800,- Euro verbunden, das die drei Stiftungen zur Verfügung gestellt haben.

Ziele des Projekts sind:

  • Bestandsaufnahmen der in der südniedersächsischen Region vorkommenden Wildkatzenpopulationen
  • Schutz und Arterhaltung der einheimischen Wildkatzen
  • Begeisterung und Förderung von Schülern für Umwelt- und Artenschutzfragen aus der Region sowie für Arbeiten im Labor

In diesem Projekt werden Wildkatzen, die in die südniedersächsische Region zurückgekehrt sind, hinsichtlich ihrer Populationsgröße, ihrer genetischen Vielfalt und ihrer Verwandtschaftsbeziehungen erfasst. Des Weiteren wird untersucht, in welchem Ausmaß es in den Populationen zu Hybridisierungen (Vermischungen) mit Hauskatzen gekommen ist, da dies eine starke Bedrohung für die Wildkatzenpopulation darstellen würde.

Für die Teilnehmer bietet sich die einmalige Gelegenheit, die ganze Bandbreite der Biologie zu erfahren: Auf der einen Seite die typische „Feld-, Wald- und Wiesen-Biologie“ mit dem Ausbringen von Lockstöcken, an denen sich die Wildkatzen reiben und dabei Haare zurücklassen, die eingesammelt werden. Auf der anderen Seite hochmoderne molekularbiologische Verfahren zur Analyse der Haarproben, die im Labor des Primatenzentrums durchgeführt werden.

Außer den Wissenschaftlern PD Dr. Lutz Walter und Dr. Christian Roos vom Primatenzentrum und der Biologielehrerin am Corvinianum, Ingrid Müller, beteiligen sich an dem Projekt Oberförster Dirk Reckebeil vom Stadtforstamt Northeim sowie Prof. Rohe von der FH Göttingen. Das Setzen der Lockstöcke bildete den Auftakt des spannenden Unternehmens „Die Rückkehr der Wildkatze“.

Bilder aus der Photo-Falle
Die Rückkehr der Wildkatze

„Die Rückkehr der Wildkatze“ hatten sich die Passanten vor dem Gänseliesel-Brunnen in Göttingen sicher nicht so vorgestellt: auf einem Skateboard! Aber nach einigen erklärenden Worten war die Welt wieder in Ordnung. Erstens handelte es sich um ein ausgestopftes Exemplar und zweitens war das Skateboard nur dazu da, die Katze (eigentlich ein Kater) an einem Band zu ziehen, um eine Fotofalle auszulösen. Diese spielt in dem Projekt, das Schülerinnen und Schüler des Northeimer Gymnasium Corvinianum unter Leitung der Biologielehrerin Ingrid Müller gemeinsam mit dem Deutschen Primatenzentrum Göttingen (DPZ) durchführen, eine wichtige Rolle. Die Wissenschaftler Dr. Lutz Walter und Dr. Christian Roos waren bei der Präsentation des Projektes am 12. Juni 2009 ebenso zugegen wie Herr Dirk Reckebeil vom Förderverein Northeimer Mittelwald. Während die DPZ-Wissenschaftler für die genetische Analyse der Wildkatzenhaare zuständig waren, kümmerten sich die Schülerinnen und Schüler nach Anleitung durch Herrn Reckebeil um das Aufstellen der Lockstöcke im Northeimer Wald und das Einsammeln der Haare. Doch ließen es sich Dr. Walter und Dr. Roos nicht nehmen, auch die praktische Arbeit im Wald mitzumachen. Im Gegenzug werden die Schüler im August am DPZ die Laborarbeit kennenlernen.
Dieser gegenseitige Austausch ist das gewünschte Ziel der „Stadt der jungen Forscher“, zu der Göttingen in diesem Jahr ernannt wurde. Sie hatte zu einem Wettbewerb aufgerufen, der die Kooperation zwischen Schulen und universitären Einrichtungen verstärken bzw. in Gang bringen soll. Als einer von acht Preisträgern wurde dabei das Projekt „Die Rückkehr der Wildkatze“ prämiert. Die Präsentation fand im Rahmen eines Festivals am 12. Juni 2009 rund um das Alte Rathaus statt. Dabei spielte natürlich die zwar ausgestopfte, aber ansehnliche Wildkatze die Hauptrolle. Ständig war sie von Kindern umlagert, doch auch Erwachsene trauten sich näher, und manche entdeckten sogar die feinen Wildkatzenhaare an einem ebenfalls ausgestellten Lockstock.
Im benachbarten Zelt 1 konnten die Interessierten ihr Wissen über Wildkatzen in einem Quiz überprüfen, anhand von vier Postern die Arbeit der Projektgruppe nachvollziehen und die Bilder der Fotofalle im Laptop anschauen.
Während die Fotofalle von der ausgestopften Wildkatze sehr fotogene Bilder lieferte, steht das Foto einer Wildkatze in freier Wildbahn noch aus.
Die zehn Stunden der Präsentation vergingen wie im Fluge. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 11, ohne die die Flut der Besucher nicht zu bewältigen gewesen wäre, bewährten sich nicht nur als Wildkatzenkundige, sondern auch als Erzieher, Fremdenführer oder Quizmaster sowie als kompetente Gesprächspartner für den Nobelpreisträger Prof. Dr. Manfred Eigen und für den bekannten Fernsehjournalisten Jean Pütz. Beide zeigten sich sehr interessiert an der Arbeit der jungen Forscher aus Northeim.

Labortag im Primatenzentrum

Im Deutschen Primatenzentrum Göttingen (DPZ) den Wildkatzen auf der Spur? Das ist kein Widerspruch, wenn man weiß, dass das im Winter 2009 begonnene Projekt „Die Rückkehr der Wildkatze“ in enger Kooperation mit dem Primatenzentrum durchgeführt wird. Der bislang praktischen Arbeit im Wald folgte nun ein Labortag in Göttingen.
Dabei trafen Corvi-Schülerinnen und –Schüler, die Biologie-Lehrerin, Ingrid Müller, sowie Förster Dirk Reckebeil vom Förderverein Northeimer Mittelwald, der das Projekt tatkräftig unterstützt, um 10.00 Uhr erwartungsvoll am DPZ ein. Dort wurden sie von den Wissenschaftlern, Prof. Dr. Lutz Walter und Dr. Christian Roos, mit dem Laborbereich der Abteilung „Primatengenetik“ vertraut gemacht.
Als erstes ging es den Teilnehmern an die Haare. Jeder rupfte sich einige davon aus, obwohl ein einziges ausreicht, um eine PCR (Polymerase-Kettenreaktion, engl. polymerase chain reaction) durchzuführen, mit deren Hilfe sich kleine Abschnitte des Erbguts vervielfältigen lassen. Die danach in großer Anzahl vorliegenden Erbgutschnipsel werden je nach Zielrichtung weiter untersucht. In diesem Fall ging es um die Frage „Männlein“ oder „Weiblein“? Das war zwar allen Teilnehmern schon vorher weitgehend klar, doch dass ein solcher Test derartig aufwändig und anspruchsvoll ist, hatte keiner vermutet. Winzige Mengen Flüssigkeit, die man kaum mit bloßem Auge sehen kann, wurden mit feinen Pipetten, deren Handhabung bei den Profis ganz leicht aussah, aber den Corvinianern einiges Geschick abverlangte, in kleine Plastikgefäße (Eppis genannt) gebracht. Unter Einsatz einer spitzen Pinzette gelang es schließlich, jedes Eppi mit 1-2 Haarwurzeln zu bestücken. Danach kamen die Gefäße für knapp zwei Stunden in eine PCR-Maschine. Die Wartezeit wurde mit einem Rundgang über das Außengelände des DPZ überbrückt, bei dem auch Kontakte zu unserer entfernteren Verwandtschaft (Mantel-Paviane, Rhesusaffen) geknüpft werden konnten. Danach stärkten sich alle Wildkatzenfreunde bei einem zünftigen Grillen, das Herr Reckebeil in der Zwischenzeit perfekt vorbereitet hatte.
Die anschließende Gel-Elektophorese bracht das beruhigende Ergebnis, dass die bislang angenommene Zuordnung zum männlichen bzw. weiblichen Geschlecht zutreffend war.

An diesem Beispiel lernten Schülerinnen, Schüler, Lehrerin und Förster typische molekularbiologische Verfahren kennen, die auch bei dem Wildkatzenprojekt eingesetzt werden. Die im DPZ untersuchten Haarproben haben ergeben, dass es sich um mindestens sieben und höchstens 14 Individuen handelt. Weitere Untersuchungen sollen zeigen, wieweit die Tiere miteinander verwandt sind bzw. ob und in welchem Umfang eine Vermischung mit Hauskatzen stattgefunden hat.

Spannende Fragen, die im Winter mit dem erneuten Aufstellen von Lockstöcken und dem Sammeln von Haaren eine Fortsetzung finden werden. Ganz sicher folgen auch wieder Labortage im DPZ, dessen Mitarbeitern  an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei für die Geduld und die Zeit, die sie mit den Wildkatzenforschern hatten!

Die Rückkehr der Wildkatzen

„Die Rückkehr der Wildkatzen“ in Berlin


Ganz und gar nicht normal war dieser Sonntag für Isabelle Möller, Franziska Ahlborn und die Biologielehrerin Ingrid Müller. Sie folgten am Wahlsonntag einer Einladung der Robert-Bosch-Stiftung zur NaT-Working- Jubiläumfeier nach Berlin, um dort einen Vortrag über die Grundzüge und Ziele des Projektes „Die Rückkehr der Wildkatzen“ zu halten.

Die Erwartungen der drei waren groß und gespannt auf die Kooperationsprojekte der anderen Schulen.

Gleich nach ihrer Ankunft in der Bundeshauptstadt gab es einen freundlichen Empfang durch die Robert-Bosch-Stiftung in der Archenhold Sternwarte im Osten Berlins. Im Saal der Sternwarte, wo Albert Einstein bereits am 2. Juni 1915 seinen ersten Berliner Vortrag über die Relativitätstheorie hielt, sollten die jungen Forscherinnen und Forscher am folgenden Tag ihre Ergebnisse und Erkenntnisse zum Besten geben.

Die Schülerinnen und Schüler, die aus ganz Deutschland angereist waren, bereiten eine Posterausstellung vor, damit jede Projektgruppe jedes Projekt begutachten konnte. Neben Wildkatzen waren unter anderem spannende Projekte über Kreide, Zucker, Krebsforschung und Raumfahrt vertreten.

Zum Festabend der Jubiläumsfeier war ein Transfer zum „Deutschen Technikmuseum“ eingerichtet worden. In Mitten von riesigen Exponaten aus der Luftfahrt und einem wunderschönen Ausblick auf die nächtliche Skyline Berlins gab es einen Sektempfang mit einem umfangreichen Büffet, bei dem garantiert für jeden Geschmack etwas dabei war, Live-Musik, Museumsführungen und einen regen Austausch der Projektteilnehmer untereinander. Wieviel Magie und Charme ein Museum bei Nacht besitzt, sollte durchaus nicht unterschätzt werden.

Nach dieser gelungenen und einmaligen Nacht im Deutschen Technikmuseum fanden am Montag, den 28.9.2009, die Schülervorträge statt. Als erstes wurde das Projekt „Die Rückkehr der Wildkatze“ präsentiert. Obwohl eine gewisse Aufregung vorhanden war, verlief alles wie geplant und den sowohl wissenschaftlichen als auch naturbezogenen Aspekten des Projektes lauschten die Zuschauer gespannt.

Zum Ausklang der Veranstaltung gab es eine einstündige Führung durch die Sternwarte einschließlich eines Besuchs im Planetarium. Die Begeisterung bei den Schülern war groß, denn wann bekommt man schon einmal die Gelegenheit, bei einer privaten Führung nach Herzenslust, Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten, ein 130 Tonnen schweres Fernrohr mit 210-facher Vergrößerung zu bestaunen, sich den Sternenhimmel nach Belieben anzuschauen und das eigene Sternkreiszeichen am Himmel zu entdecken? Bereichert durch mit all diese Eindrücke und Erfahrungen konnte zufrieden, aber auch erschöpft dieHeimreise nach Northeim angetreten werden.

Auf der Rückfahrt waren sich die drei darüber einig, dass Forschen und Entdecken viel interessanter sein kann, als es in Sachbüchern beschrieben wird. Denn die bloße Theorie klingt sehr monoton, doch die gemeinsame Arbeit im DPZ und im Northeimer Wald bewies das Gegenteil. „Die Rückkehr der Wildkatzen“ ist also im Grunde genommen viel mehr als ein bloßes Kooperationsprojekt, es ist ein Projekt, das zeigt, wie faszinierend und aufregend wissenschaftliches Arbeiten sein kann, denn es motiviert vor allem Schüler/innen dazu, auch außerschulisches Engagement zu zeigen.