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Μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληιάδεω Ἀχιλῆος οὐλομένην, ἣ μυρί' Ἀχαιοῖς ἄλγε' ἔθηκε

Μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληιάδεω Ἀχιλῆος
οὐλομένην, ἣ μυρί' Ἀχαιοῖς ἄλγε' ἔθηκε,

Nein, ich sehe schon. Das Heldenhafte soll heute nicht darin bestehen, dass Sie einem Vortrag in einer unvertrauten Sprache folgen. Auch wenn die Dichtkunst der Griechen geradezu legendär ist. Also auf ein Neues – diesmal auf Deutsch:

 

Singe den Ruhm, o Frauke, der Gymnasiasten vom Corvi,
die mit dem Abi der Schule unnennbare Freude erregten.

 

Das wäre jetzt eine angemessene Einstimmung: Ein klassischer Musenanruf, mit dem schon vor 2 ½ Jahrtausenden Helden besungen wurden. Aber zum einen wollte ich nicht meine Worte in daktylischen Hexametern 2000 Verse lang vortragen.

Und zum anderen wollen Sie bestimmt nicht wirklich, dass ich jetzt im Folgenden Ihre Heldentaten besinge. Das überlasse ich dann doch lieber dem Oberstufenchor. Der hat auch den besseren Heldentenor… Und schließlich möchte ich – bei allem Respekt – keinesfalls, dass mich die Muse Frauke küsst…

 

Also versuche ich es jetzt ganz ohne Gesang und künstlerischen Anspruch:

Vor langer Zeit, als Tafeln noch mit Kreide beschrieben wurden, Computertastaturen noch eine ganze Schreibtischfläche bedeckten und Telefone ausschließlich zum Telefonieren dienten, erlebte eine Gruppe junger Heroen Abenteuer. Natürlich waren es nicht nur Heroen. Sondern auch Heroinnen. Hier zeigt sich dann auch die PISA-Lesekompetenz: „Heros, also Held, und Heróin“. Wer „Heros und Heroín“ liest, hat völlig falsche Erwartungen an die Handlung. Und falsche Vorstellungen von möglichen Superkräften.

Doch zurück: Der Ort dieser Geschehnisse liegt im Dunkel der Geschichte, wie es bei Heldensagen meistens der Fall ist.

Die einen sagen, es passierte alles in der Nähe einer „Heiligen Stadt“. Andere behaupten, es handelte sich um Superhelden vom Planeten Krypton, oder zumindest von dessen Nachbarplaneten Corvinianum. Wieder andere vermuten das legendäre Schuhwallhalla. Eine vom Verfall und Abriss bedrohte Welt, nur einen Tagesmarsch von der nächsten Mensa entfernt.

 

An diesem düsteren Ort herrschte hektische Betriebsamkeit. In jeder großen Pause hieß es Abschied von den Lehrmeistern zu nehmen, die in Eilmärschen zurück den Wieter hinauf stürmten. Rastlos, aber immerhin nicht planlos. Den Heroen und Heroinnen blieb nur die bange Hoffnung, dass andere Lehrmeister den Weg zu ihnen hinunter finden würden…

So haben sie sich lange tapfer durch die Schulzeit geschleppt, bis sie endlich wieder in die geheiligten Hallen des Corvinianum zurückkehren durften. Renoviert und strahlend erhob es sich am Fuße des Wieters. Und bot den jungen Helden eine neue Zuflucht. Zumindest bis heute.

 

Hier beginnt schon die Legendenbildung: Niemand weiß mehr so genau, wie und warum das alles passiert ist. Fest steht nur Folgendes:

Bevor unsere Helden das Corvi eingenommen haben, gab es da deutlich mehr Gebäude. Ein einzelnes Portal, das auf dem oberen Schulhof halb im Erdreich versunken ist, beweist das. Doch wo ist der Rest? Auch vom sagenumwobenen Schuhwallhalla ist heute nichts mehr zu sehen. Was mag der Grund dafür sein? Klassische Helden räumen durchaus mal Schutt weg. So wie Hercules, der als heldenhafte Aufgabe die Ställe des Augias ausmistete. Ob das aber schlimmer gewesen ist als etwa der Keller in Gebäude 1 vor der Sanierung, können wir nur vage vermuten….

Oder gab es einen Kampf zwischen Helden und Superschurken? Bei dem kein Stein auf dem anderen blieb? Das sicher nicht. In diesem Szenario würden mir auch gar keine Schurken einfallen…?!  Dennoch muss welche geben. Wie Ralph Siegel, eine Art moderner Troubardix – der war Dieter Bohlen, bevor Dieter Bohlen Dieter Bohlen war – einst dichtete:

„Helden und Schurken gibt’s nie allein.

Denn wo ein Held ist, muss auch ein Schurke sein.“

Ein solcher Schurke könnte der fiese G8 sein, der Kindern ihre Freizeit stiehlt. Oder King Komma, der dafür sorgt, dass Sätze nicht immer da beendet werden, wo man …. es gern hätte. Oder vielleicht der unbezwingbare Hüne Kernkurrikoloss, der mit einer Vielzahl von Anforderungen, Inhalten und Lernstoff junge Heroen (und Heroinnen) quält. Aber das klingt jetzt nicht mehr nach mythologischen Heldengeschichten. Solche Helden stammen oft von Göttern ab. Haben deshalb übermenschliche Kräfte. Immer. Die werden nicht erst zu Legenden. Sie sind bereits seit ihrer Geburt Legenden.

 

Vielleicht müssen wir den Helden-Begriff also ein wenig erweitern. Bei insgesamt 8 Lateinabiturientinnen und Abiturienten erscheint es mir auch eher abwegig, Helden nur auf das Klassische Altertum zu beziehen. Bei Nachfragen erfuhr ich, dass die erlauchte Runde der zukünftigen Legenden vor allem die US-amerikanische Rezeption von Heldengesängen vor Augen hatte. Keine epischen Dichtungen mit tausenden von Versen. Nein. Eine Art didaktisierter Heldenmythen. Comics nennt man die. Viele bunte Bilder, wenig Text. Das entspricht sogar der modernen Pädagogik: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Hier gibt es einen reichhaltigen Fundus an Superhelden. Meist mit einer relativ normalen Kindheit, dann werden sie plötzlich zu Superhelden und schließlich durch ihre Taten zu Legenden. Diese Biographien passen auch besser zum heutigen Thema.

 

Denn wie wird man zum Superhelden? Ich habe da ein wenig recherchiert:

Peter Parker wird von einer radioaktiv verstrahlten Spinne gebissen. So wird aus ihm der Superheld Spider-Man.

Matt Murdock wird bei einem Verkehrsunfall mit radioaktivem Material verseucht. So wird er zum Daredevil.

Reed Richards, Susan Storm, ihre Bruder Johnny und Ben Grimm werden bei einer Weltraummission kosmischer Strahlung ausgesetzt. So entsteht das Superhelden-Quartett Die fantastischen Vier.

Diese Aufzählung könnte ich jetzt beliebig fortführen. Aber Sie erkennen sicher schon jetzt eine Gemeinsamkeit. Alle diese Superhelden wurden einer Form von radioaktiver oder kosmischer Strahlung ausgesetzt. Frisch verstrahlt entwickelten sie dann Superkräfte. Verstrahlt. Da fällt mir auf: Wer war noch einmal Ihre Jahrgangsleiterin? ….

 

Natürlich hätte ich jetzt gerne noch mehr drittklassige Wortspiele mit Namen aus dem Kollegium gemacht, aber nichts hat zum Thema gepasst. Mich döngt, dass ich das auch ohne Schützenhilfe hinbekommen müsste. Ein wenig Baurschläue sollte reichen. Aber das Ergebnis war ziemlich sperlich: Mir fielen nur lahme Witze ein. Ich wollte jetzt auch nicht hesselich werden, mal ordentlich auf den Pütz hauen, auf den Busch klopfen oder gleich mit dem ganzen Kollegium Haendel anfangen. Das ist am Corvi nämlich gar nicht Sitte. Und weißmann, wie sowas aufgefasst wird? Wenn ich solch krause Gedanken vortrage, denken noch alle, ich würde regelmäßig zum Bierseidel greifen oder Hanf konsumieren. Dann rotten sich alle zusammen, ich werde entlassen und muss im Sommer mit Kind und Kögel irgendwo kellnern gehen. Nach diesen Überlegungen fühlte ich mich dann wie durch den Wolf gedreht und hing erschöpft in den Seilern. Ich weiß nicht, wode Ideen noch herkommen sollen. Da bleibe ich lieber maukschmäuschenstill. …

Das war jetzt leider eine kleine Ausschweifung. Aber wer in der Abizeitung schreibt, dass ich manchmal ein klein wenig über das Thema hinausschieße, wird das sicherlich auch in der Abirede ertragen können….

 

Doch zurück zum eigentlichen Thema:

Wie sieht es mit den Superkräften aus? Gibt es einen Corvinator, der die Schulgemeinde vor Schaden beschützt. Vor den Widrigkeiten der Bildungspolitik? Gibt es den Schnabelman, der an zwei Orten gleichzeitig sein kann? Schon im Klassenraum sitzt, während er sich noch um die Ecke sein Brötchen kauft? Ich weiß es nicht. Aber es scheint einen „Captain Corvi“ zu geben. Jedenfalls sieht man oft Helden mit dem Abzeichen „CC“ auf der Brust. Die haben aber ganz andere Superkräfte: Die Kraft, Blech zum Klingen zu bringen oder den Zauberbogen zu streichen.

Doch Sie haben den Schwerpunkt nicht auf einzelne Superhelden gelegt, sondern auf Ihre ganze Gruppe.

Und das macht mir meine Aufgabe hier etwas leichter. Normalerweise wird von einem Laudator erwartet, dass er jungen Menschen gute Ratschläge mit auf den Weg gibt. Dass er sie ermahnt, in der Zukunft auch immer an andere zu denken. Nicht nur an die eigene Bequemlichkeit oder die eigene Karriere. Sich für die Mitmenschen einzusetzen. Dort, wo Sie die nächsten Jahre verbringen, aber auch hier in der Region. Diese Region nie zu vergessen. Und vielleicht eines Tages hierher zurückzukehren. Und das, was Sie in der Zwischenzeit gelernt haben – in Lehre und Studium – gewinnbringend für uns alle einzusetzen. Eine solche Mahnung wäre sicher ein ehrliches und ernstes Anliegen von uns allen. Vielleicht etwas moralinsauer, aber gut gemeint. Doch wir wissen alle, dass „gut gemeint“ oft das Gegenteil von „gut gemacht“ ist. Und deswegen bin auch froh, dass ich heute so etwas gar nicht auszuführen brauche.

 

Denn das haben Sie alles schon selbst getan, als Sie dieses Motto wählten:

Eine Selbstdefinition und gleichzeitig eine Selbstverpflichtung: Helden brauchen keine Ermahnung. Helden interessieren sich nicht für Ruhm und Geld, sondern versuchen immer das Richtige zu tun. Helden sind moralische Werte wichtiger als materielle. Helden haben immer ein sehr gutes Arbeits- und Sozialverhalten. Sie unterstützen die Schwachen und zeigen Stärke und Zuversicht auch in ausweglosen Situationen. Insofern kann ich Ihnen nur für dieses Motto danken!

Und noch etwas Anderes passt gut in dieses Bild. Jeder Comic-Verlag bietet quasi ein eigenes Universum von Superhelden an. Da gibt es das Marvel-Universum mit Spider-Man, Hulk und den X-Men, das Universum der DC-Comics mit Superman und Batman und viele mehr. Fans der einen Comicreihe verteufeln nicht die Hefte der anderen, sondern lesen sie sogar bisweilen. Und so gibt es auch hier neben unserem Superhelden-Universum, dem Corviversum, auch noch die KGS- und WG-Universen, deren Helden uns aus verschiedenen Crossovern zum Teil gut bekannt sind. Manche haben eben zwischenzeitlich den Verlag gewechselt.

 

Aber wie steht es denn nun wirklich mit Ihren Superkräften? Wenn man sich Ihre Statistiken anschaut, liest man Folgendes: Sie sind insgesamt 112 – das ist schon mal ein gutes Zeichen. Denn unter dieser Nummer kann man tatsächlich moderne Helden erreichen. 17 von Ihnen haben ein Sport-Abitur und ebenfalls 17 Abiturprüfungen in Werte/Normen bzw. Religion absolviert. Das passt. Helden sind stets fit und tun immer das moralisch Richtige.  Allerdings haben ganze 80 das Abitur in Mathematik gemacht. Was hat Mathe mit Superhelden zu tun? Hmmm, na ja, ein wahrer Held muss eben stets mit allem rechnen. Und laut verschiedener Presseberichte ist das Matheabi dieses Jahr fast zum Heldenbegräbnis geworden. Insgesamt haben Sie also mit diesem Abitur und den letzten achte Jahren an unserer Schule Heldenhaftes geleistet. Denn wenn man den Verlautbarungen unserer Kultusministerin glaubt, ist G8 von normalen Menschen augenscheinlich gar nicht zu schaffen. Da passt „Heldentat“ eigentlich ganz gut. Und bei der Berichterstattung von Ihrem gestrigen Heldengedenktag sind Sie in der Lokalpresse auch schon zu Titelhelden geworden.

 

Aber auch jenseits des Abiturs zeigen Sie schon lange Fähigkeiten, die an Superkräfte grenzen. Ich z.B. gehöre einer Generation an, die sich gar nicht vorstellen kann, wie man ohne Superkräfte gefühlte 500 WhatsApp-Nachrichten pro Stunde lesen UND beantworten kann.

Insofern kann ich Ihnen heldenhafte Taten wirklich nicht absprechen. Aber damit ist nur ein Teil Ihres Mottos überprüft.

– „Mit dem Abi in den Händen werden Helden zu Legenden“ –

 

Wie sieht es mit den Legenden aus? Damit dürften kaum die legendären Kursfahrten von Amsterdam bis Wien gemeint sein. Stellt sich die Frage: „Was ist eine Legende?“

 

Legende kommt aus dem Lateinischen. Und ist ein Verbaladjektiv. Verbaladjektiv? Dieses so genannte „Gerundivum“ muss man nicht mehr kennen. Das war mal ein Handlanger des Superschurken Grammaticus. Der hat früher die Superhelden mit allerlei komplizierten Formen und Satzstrukturen verwirrt. Doch dank der Bildungspolitik ist er inzwischen ein zahmer Gnom geworden, der kaum noch jemanden beeindrucken kann.

Doch zurück zum Begriff der „Legende“: Übersetzt heißt es demnach: „Dinge, die lesenswert sind.“ Das klingt vielversprechend. Bisher haben wir ja nur von Ihnen lesen können. In einem Schuljahr mit mehreren Abiturkursen kommt man als Lehrkraft auf ca. 1500 bis 2000 Seiten Schülerprosa, die es zu lesen gilt. Manches davon ist auch wirklich lesenswert. Für uns alle wäre es schön, zur Abwechslung auch etwas über Sie lesen zu können. Aber nicht einfach Irgendetwas. Etwas Legendäres. Und sowas gibt es auch bereits. Wenn ich heute etwas über den „Bierumzug“ von gestern höre, klingt das nach reiner Legendenbildung. Und doch findet man den Northeimer Bierumzug sogar in wissenschaftlichen Werken. In einer Festschrift für einen international renommierten Professor der Volkskunde wird dieser Bierumzug als einzigartig in Deutschland beschrieben. Ihr Abiumzug ist also tatsächlich noch viel legendärer als Sie das vielleicht glauben.

 

Doch um selbst zur Legende zu werden, müssen Sie Ihrer eigenen Erklärung nach noch das Abi in den Händen halten. Das scheint eine neue Lesart zu sein. Weder in den griechisch-römischen Heldensagen, noch in mittelalterlichen Heilgenlegenden konnte ich irgendetwas über den Schulabschluss der Helden finden. Von „allgemeiner Hochschulreife“ oder gar „Reifezeugnis“ ganz zu schweigen. Im Gegenteil: Viele Heroen benehmen sich äußerst unreif.

Zum Beispiel Achilles, einer der Helden des Trojanischen Krieges. Der bekommt kindische Wutanfälle, geht in sein Zelt und schmollt drei Tage. Das klingt eher nach einem antiken Vorläufer von Kylo Ren aus dem letzten Star-Wars-Film als nach einem Superhelden. Sozialverhalten maximal IV. Von Reife kann hier keine Rede sein.

Der Drachentöter Siegfried aus der Nibelungensage zieht ein Gewand an, auf das seine Frau fein säuberlich ein Kreuzchen gestickt hat. Genau auf die einzige Stelle, an der er verwundbar ist. Zeigt der Held hier kritisches Problembewusstsein? Nein. Grundkompetenzen der geisteswissenschaftlichen Fächer und eine quellenkritische Analyse des Materials hätten Siegfried sicher genützt. Aber zu spät: Sein Versagen kann er nicht mehr angemessen reflektieren. Dafür ist er dann schon zu tot.

Ein moderneres Beispiel wäre die Legende vom Dramenhelden Dr. Faust. Der zeigt vorbildliches Arbeitsverhalten. Fleiß, Ausdauer, Sach- und Fachkompetenz. Als Beobachtungsschwerpunkt im Rahmen der Begabtenförderung will er ergründen, „was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Leider wurden ihm nie anständige Werte vermittelt. Faust beherrscht nicht die Unterscheidung von Sachurteil und Werturteil. Und geht doch glatt eine teuflische Wette ein. Dass so etwas zu nichts führt, hätten Sie sicher frühzeitig vorhersehen können. Aber der gute Faust war eben nicht am Corvi.

 

Insofern haben Sie ganz Recht, wenn Sie eine Form der Kompetenzorientierung und Qualitätssicherung für Superhelden fordern. Ob es unbedingt das Abi sein muss, ist eine ganz andere Frage. Und ob man damit automatisch vom Helden zur Legende wird, hängt sehr davon ab, was Sie in den nächsten Monaten und Jahren tun. Der Grundstein dafür ist gelegt. Wie es weitergeht, hängt nun von Ihnen ab.

Seien sie wie Superhelden. Ändern Sie die Welt – und wenn es auch nur mit einem Mausklick ist. Wir jedenfalls glauben an Sie!

 

Text: Ilja Kuschke

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