Die Corvi-Spielzeit hat begonnen

Mit einer sehr dichten Umsetzung von Max Frischs Andorra begannen jetzt Schülerinnen und Schüler des Darstellendes Spiel-Kurses Q2 die neue Theater-Spielzeit am Corvi.

Einen HNA-Bericht von Axel Gödecke gibt es hier.

Ein Bericht von Christina Bachmann, Q2:

„Mir kamen fast die Tränen, als die Senora Andri getröstet hat“, hieß es hinterher, oder: „Äußerst gelungene Inszenierung“, „mutige Bühnenform“ und „tolle schauspielerische Leistungen“. Der Kurs freut sich über solches Lob. Die Nutzung einer Environmentalbühne, die den Darstellern einen engen Kontakt zum Zuschauer erlaubte, sorgte offenbar in manchen Szenen beim Publikum für Gänsehautgefühl.

 

 

Das 75-minütige Ergebnis monatelanger Arbeit präsentierte unser DS-Kurs DSZ17 (Q2) unter der Leitung von Marco Wolff am Donnerstag, dem 16.02.17, in der Mensa. Auch wenn der Weg zur Aufführung lang war, gelang es uns Darstellern Woche für Woche besser, uns in unsere Rollen hineinzuversetzen und die Identitätsproblematik, mit der Protagonist Andri konfrontiert ist, darzustellen, zumal uns die Intention Frischs, vor einer fremdenfeindlich ausgerichteten Gesellschaft zu warnen, bereits beim Lesen des Dramas überzeugte. Allerdings bemerkten wir während der Ausarbeitung, dass sich folgende Äußerung von Friedrich Torberg bestätigte: „Andorra ist eine der stärksten Herausforderungen, die seit Jahr und Tag von der deutschen Bühne ausgegangen sind“. Deswegen erfreute uns als Kurs das positive Feedback seitens des Publikums und der anwesenden Lehrkräfte umso mehr.

„Andorra“ ist ein Stück über einen Juden, der gar keiner ist. Und über Antisemiten, die gar keine sein wollten.

Die Bewohner Andorras projizieren all ihre Laster auf Andri, sei es ihr Geiz oder ihre Feigheit, den Juden, der gar keiner ist, und zwingen ihn so in eine Rolle, die er nicht einnehmen wollte. Während er zu Beginn gegenüber seiner Geliebten Barblin und, wie sich später herausstellen wird, seiner Schwester gegenüber behauptet, „Ich bin nicht anders, ich will nicht anders sein!“, so gesteht er sich doch ein, dass er nicht ist, was er ist, sondern nur das, was die Bewohner Andorras in ihm sehen. Sie lassen ihm keine Chance, am Ende bleibt ihm nur die aufgezwängte Rolle des „Judenkinds“, mit der er sich schließlich so stark identifiziert, dass er diesem Bildnis nicht mehr entrinnen kann.  

Obgleich der Anfang der Inszenierung bewusst das Ende preisgab, blieb bis zum Ende ungeklärt, wer für den Tod Andris eigentlich verantwortlich ist. Offensichtlich das Kollektiv, das Andri in den Tod treibt. Oder? War es vielleicht doch der Soldat, der Andri durch die Vergewaltigung Barblins den letzten Halt nimmt? Oder hat er sich selbst zu sehr mit der ihm aufgezwängten Identität identifiziert? Diese ungeklärten Fragen standen nach der Vorstellung im Raum und regten zum Nachdenken an.

Es fanden in der Adaption des Kurses auch moderne Elemente Einzug, etwa wurde auch auf die momentane politische Situation eingegangen und so ein Bezug zwischen dem Modell „Andorra“ und der Gegenwart hergestellt. Des Weiteren wurde im Vorfeld ein passender Soundtrack zusammengestellt, der dazu beitrug, vor allem die bedrohlichen Situationen akustisch zu untermalen. Zu diesen zählten mitunter die Szenen, in denen das gesamte Ensemble als Kollektiv auftrat.

Nach Wiederholungsaufforderungen steht derzeit die Frage im Raum, das Stück eventuell noch einmal aufzuführen.

Text: Christina Bachmann, Bilder: Wolff

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